Trekking im Colca Canyon

Colca Canyon – organisierte Tour oder Trekking auf eigene Faust?

Der Colca Canyon ist der zweittiefste Canyon der Welt. Von Arequipa aus erreicht man das Herz des Canyons in 4 – 7 Stunden, je nachdem, ob man eine Tour mitmacht oder mit dem öffentlichen Bus fährt.

Viele Hostels können Touren in den Canyon organisieren. Das sind zwar nicht die billigsten, aber man kann sich zumindest halbwegs darauf verlassen, dass sie mit guten Anbietern zusammenarbeiten, sichere Fahrzeuge einsetzen und zusätzlich zum eigentlichen Guide ein extra Fahrer mitfährt. Klingt alles beruhigend, wir buchen also im Hostel das zweitägige Trekking für umgerechnet 30€. Wird schon nicht so schwer sein, auch für uns Flachland-Wanderneulinge. Immerhin haben wir ja auch neue Wanderschuhe.

3 Uhr morgens: Abfahrt zum Canyon

Im Hostel versammeln sich an der Rezeption einige verschlafene Gestalten, die zum Glück auch alle nicht sonderlich professionell aussehen. Jeder hat einen kleinen Rucksack mit dem Nötigsten dabei und natürlich Trekking-Stiefel im Gepäck. Guide Nelson, den wir so nennen dürfen, weil seinen Quechua-Namen sowieso keiner aussprechen kann, lotst uns in einem Van, in dem schon ein paar andere Leute sitzen.

Das Anden-Abenteuer beginnt

Soweit ich das im Stockdunkeln beurteilen kann, wagt Fahrer Mexican Boy keine überdurchschnittlich waghalsigen Manöver auf der holprigen Strasse, die einspurig immer direkt am Abhang entlang führt und zwischendurch sogar fast die 5000 Meter knackt. Über Leitplanken und Tunnel-Beleuchtung lächeln die meisten Peruaner vermutlich nur müde.

Cruz del Condor – wo der Kondor fliegt

Nach guten 3 Stunden auf einer fragwürdigen Anden-Piste sind wir gut durchgeschüttelt, als wir gegen 6 das kleine Dorf Chivay erreichen. Hier gibt es Frühstück, danach halten wir an einigen View Points. Eigentlich um den Flug des Kondors zu beobachten, aber der ist scheinbar noch nicht aufgestanden. Die Aussicht ist aber auch nicht übel. Die Landschaft im Colca Canyon ist extrem vielseitig – Steppe, Farmland mit alten Inka-Terrassen, steile Abhänge aus kargen Fels.

In diesem Teil der Anden gibt es nur wenige Berge unter 5000 Metern. Unglaublich, wie winzig und unbedeutend man sich plötzlich fühlt.

10 Uhr: „And then it’s flat, just a little up and down“

Das eigentliche Colca Canyon-Trekking beginnt gegen halb 10 in Pampa San Miguel am oberen Rand des Colca Canyon auf 3280 Metern. Gut, dass wir uns zwei Tage in Arequipa an die Höhe gewohnt haben.

Als die Gruppen verteilt werden, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Die Leute sind super, zwei Holländer, fünf Briten, ein Schwede und wir, alle zwischen 25 und 30 und ziemlich witzig – aber sie machen das im Gegensatz zu uns offenbar alle nicht zum ersten Mal.

Nachdem wir ungefähr drei Liter Sonnencreme aufgetragen haben, geht es los – drei Stunden abwärts zum Boden des Canyons, über Wege voll Geröll, manchmal über Felsen, immer an der Schlucht entlang. Der Blick auf die gegenüberliegende Seite des Canyons ist atemberaubend. Die Sonne brennt unerbittlich auf den Colca Canyon, nach zwei Stunden wird es richtig anstrengend.

Immer am Abgrund entlang – gesichert sind die Wege im Colca Canyon nicht.

Die Gruppe verteilt sich je nach Können. Tatsächlich treffen wir uns aber alle zweieinhalb Stunden später und 1000 Meter tiefer wieder. Nach einer weiteren sehr anstrengenden Stunde, in der es „eigentlich flach ist, aber auch ein bisschen auf und ab geht“, was in diesem Fall Höhenunterschiede von 100 Metern bedeutet, gibt es Mittagessen in einem kleinen Guesthouse.

Meine Lungen brennen, ich beginne an mir und Tag 2 zu zweifeln. Meine Versuche, den anderen beruhigende Worte zu entlocken, scheitern – es soll drei Stunden nur bergauf gehen. Ich erinnere mich dunkel, das beim Überfliegen der Routen-Beschreibung gelesen zu haben. Ups…

Die Aussicht über die uralten Inka-Terrassen ist wirklich spektakulär.

14 Uhr: „Paradise is waiting for you – in 3 more hours“

Eine Stunde Pause später sind wir wieder auf Spur, Guide Nelson (nett, aber bestimmt) kennt kein Erbarmen. Auf und ab geht es auf kleinen Trampelpfaden durch das Gestrüpp an der Seitenwand des Canyons entlang, natürlich nicht ohne einen ordentlichen Aufstieg. Zwischendurch gucken wir Avocado-Pflanzen an und erfahren viel Interessantes über Peru.

Als es zwischendurch donnert, erklärt Nelson: Das sind die Minen, in denen etwas gesprengt wird – Bergbau, legal und illegal, ist das größte Gewerbe in Peru. 

Das Paradies ist „very basic“

Nach drei weiteren Stunden und noch einem richtig anstrengenden Anstieg erreichen wir endlich die Oase Sangalle am Grund des Canyons, in der wir übernachten werden.

Und auf dem Weg links wird es am nächsten Tag wieder aufwärts gehen…

Insgesamt haben wir 12 Kilometer zurückgelegt, die sich aber eher wie 20 anfühlen. Ich spiele mit dem Gedanken, den Aufstieg am Tag mit einem Maultier zu machen. Die Reisebegleitung lächelt nur müde und hält mir die staubigen Wanderschuhe hin. Mist.

Die Oase ist sehr einfach ausgestattet, Steinhütten mit je ein paar Betten, keine Elektrizität und nur kaltes Wasser. Warmwasser ist in Peru übrigens ein kostbares Gut, auf das in Hostel-Beschreibungen immer stolz hingewiesen wird. Nach dem Essen fallen wir nach einem kurzen Blick auf den tollen Sternenhimmel direkt ins Bett.

5 Uhr morgens: ein Aufstieg wie eine Million Kniebeugen

Fast gleichzeitig klingeln um 20 nach 4 die Wecker in allen Hütten. Rucksack packen, schnell ein paar Erdnüsse und Trockenfrüchte essen (Frühstück erst oben auf dem Berg), los, bloß keine Zeit verlieren, bis die Sonne aufgeht.

Was nun folgt, bringt mich körperlich echt an meine Grenzen. 1000 Höhenmeter in drei Stunden, im Zickzack am Berg entlang, gerade Strecken gibt es nicht – es geht nur steil aufwärts. Der Weg besteht aus Geröll, oft auch aus einer Art natürlichen Treppe, also einem Haufen Steine, die mindestens einen halben Meter hoch sind. Ich fühle mich wie Sisyphos, gefangen in einem endlosen Workout, das immer wieder von vorne anfängt. Nur weiter, immer weiter, ein Schritt nach dem anderen. Wir sind ja gleich oben, denke ich, schon so viel geschafft, als ein vorbeikommender Guide (er schwitzt nicht mal) uns ermutigend zuruft, dass es nur noch 30-40 Minuten bis zur Hälfte sind. Oh. Mein. Gott.

Doch irgendwann, als ich selbst schon nicht mehr daran glaube, liegt das letzte Stück, natürlich noch mal besonders steil, vor uns. Der wie erwartet superfitte Großteil der Gruppe (darunter ausgerechnet die Holländer, bei denen ist es ja nun eigentlich besonders flach) ist schon seit 45 Minuten oben, als wir eintreffen. Brite Conor ist stocksauer, weil Schwede Kristoffer ihn überholt hat und spricht fortan kein Wort mehr mit ihm.

Ich habe das Gefühl, dass ich keinen Meter mehr gehen kann. Das Anstrengendste, was ich jemals gemacht habe (abgesehen von der Schul-Skifahrt mit Sportlehrer Eisen-Dieter vielleicht). Meine Beine fühlen sich an wie nach einer Million Squats. Aber: Wir haben es geschafft – und zwar mit unseren eigenen Beinen. Ziemlich gutes Gefühl.

Nach dem Frühstück in dem nahegelegenen Dorf Cabanaconde geht es mit dem Bus Richtung Arequipa zurück. Wir erfahren, dass nur etwa ein Fünftel aller Besucher im Colca Canyon es überhaupt nach Cabanaconde schafft – die meisten dringen nicht so weit in den Canyon vor, viele Touren kehren schon beim Cruz del Condor um. Umso ruhiger und authentischer ist es hier.

Unterwegs stoppen wir bei den natürlichen heißen Quellen von La Calera, die meinen Muskeln zumindest für 10 Minuten das Gefühl geben, dass sie sich innerhalb der nächsten drei Wochen mal wieder bewegen werden.

Eine Wohltat für die Muskeln, zumindest vorübergehend: La Calera Hot Springs.

Nachmittags, schon halb in Arequipa, halten wir auf 4800 Metern, wo die Luft zum Atmen langsam echt dünn wird, und in einem Naturreservat mit jeder Menge Lamas und Alpakas.

Links das Alpaka, rechts das Lama – oder doch umgekehrt?

Zum Schluss legt Mexican Boy doch noch einige spektakuläre Überholmanöver hin, ein paar Mal halten wir an, weil irgendwas mit dem Reifen nicht stimmt, Nelson darf trotz fehlendem Führerschein auch mal ans Steuer und kurz vor unserem endgültigen Stopp in Arequipa verlieren wir noch fast die Hintertür. Nur dem geistesgegenwärtigen Einsatz einer Britin hat Mexican Boy es zu verdanken, dass er den Van in einem Stück abliefern kann. Für uns zählt aber sowieso nur eins: endlich schlafen.

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